car|go|graphy|projekt

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Welche/r Autobesitzer/in kennt sie nicht, die kleinen Kärtchen, die an der Windschutzscheibe von Autos angebracht, dazu einladen, Selbiges zu verkaufen. Die Kärtchen versprechen den Kauf des Autos gegen Bargeld, mit oder ohne Mängel, mit oder ohne Pickerl, können handgeschrieben oder mit einfachen Mitteln (word) auf dem Computer gelayoutet sein, mit oder ohne Bildern, in verschiedenen Farbvarianten, mit Telefonnummer und/oder Emailadresse.

Mehrdimensionalität

Die Artikulation dieser individuellen Ästhetik führt zu unserem Ansatz, diese Karten nicht nur als
blosse Objekte zu begreifen, sondern eher als Träger eines Diskurses, dem hierbei durch artistic
research nachgegangen werden soll, quasi ein Querschnitt künstlerischer Produktion die
unbeabsichtigt agiert, und gleichzeitig viel mehr ist als bloße mediale Kommunikation. Diese Karten
sind also ein Konglomerat aus lokal und global, mit einfachsten Mitteln hergestellt und zeigen
darüberhinaus die vielschichtigen Verknüpfungen unserer gegenwärtigen Gesellschaft.

So zeigen kleine Differenzen in der Repetition die Anpassung und Adaptierung sowie die eventuellen
Verbindungen und Brüche innerhalb des Feldes. Namen und Emailadressen, die auf ein sehr
internationales Feld verweisen, sowie Motive, die verwendet werden, sind dabei zuerst zu nennen.
Dieses Feld wird konstituiert von Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund die versuchen, in
einer Branche Fuß zu fassen, die traditionell von GebrauchtwagenhändlerInnen mit festen Adressen
und eigenem Schauraum und/oder Fuhrpark besetzt war. Eine solche Praxis weckt natürlich
Begehrlichkeiten seitens der etablierten Konkurrenz, als ökonomische Nische eröffnet sie aber auch
die Möglichkeit für ihre AkteurInnen, selbständig tätig zu sein und sich damit verbunden die
Perspektive wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs zu schaffen.

 

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Dinge: antreibende Faktoren für gesellschaftliche Veränderung

Migration verändert Gesellschaften – MigrantInnen verändern Gesellschaften. Aber auch Dinge
verändern Gesellschaften, indem sie Handlungsspielräume und -optionen sowie Felder der
ökonomischen Betätigung von Menschen beeinflussen, re-arrangieren und/oder neu eröffnen. Wenn
Menschen migrieren, dann tun das auch Dinge, Vorstellungen, Weltanschauungen und
Interpretaionen der Idee eines besseren Lebens.

So können die „Windschutzscheibenkarten“ selbst als Hinweise auf eine Dimension von
Globalisierung gelesen werden, die zwar (noch) unterhalb des Radars journalistischen,
wissenschaftlichen oder öffentlichen Mainstreams verlaufen, aber symbolisch als Zeuginnen globaler
Verbindungen und Bedeutungszusammenhänge stehen. Denn nicht nur die Menschen sind es, die
dieses Feld konstituieren, sondern auch ihre Praxis – der Handel mit den gebrauchten Autos bzw.
deren Einzelteilen. Diese finden ihren Weg in die verschiedenen Teile der Welt, wo sie auf die eine
oder andere Weise wieder- oder weiterverwertet werden. So kommt neben den AkteurInnen und
ihrem agieren im Feld auch den Dingen (in diesem Fall: Windschutzscheibenkarten und gebrauchte
Autos) und damit verbundenen Ideen und Bedeutungen eine wesentliche Rolle zu. Vor allem
Bedeutungen und damit zusammenhängende Ideen – von einem guten Leben oder von Status,
Prestige, Sicherheit, Zusammengehörigkeit, u.v.m – fungieren dabei oft als Interpretationsvorlagen
und/oder Handlungsanleitungen. So reihen sich die „Windschutzscheibenkarten“ und damit
verbunden gebrauchte Autos ein jene Gruppe von Dingen, die zusammen die Komponenten des
allgemeinen Feldes der 2nd-Hand Economy sind.

Car|go|graphy & mitumBACK: Konsum- und Wegwerfverhalten

Das Projekt car2graphy verortet sich in ebendiesem Feld und setzt die bisherige Arbeit der
IntitiatorInnen (des mitumBACK – Kollektivs) fort. So konnten wir uns im Vorgängerprojekt,
„mitumBack – reverse engineering globalisation“ den globalen Dimensionen des Handels mitgebrauchten Altkleidern befassen.

Dabei handelt es sich ebenfalls  Dinge, die nach ihrem Erstgebrauch weiterverwendet werden und dabei von der Produktion bis zur Wieder- bzw. Weiterkonsumierung oft eine weite Reise hinter sich haben. So können Fragen nach Konsum- und Wegwerfverhalten in einer Welt der nebeneinander existierenden Pole Überproduktion und Mangel mit car2graphy in direkter Kontinuität zu „mitumBack – reverse engineering globalisation“ weiter verfolgt und das resultierende Wissen einem größeren Publikum zu Teil werden.

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Qualitative Globalisierungsforschung & Kunst

Globalisierung ist im beginnenden 21. Jahrhundert ein vielgebrauchter, deswegen aber nicht weniger schwammiger und diffuser Begriff. Indem das Projekt car2graphy das Feld der „Windschutzscheibenkarten“entlang der drei Dimensionen Menschen, Dinge und Bedeutungen/Ideen aufschlüsselt, soll auch den Bedeutungskomplex „Globalisierung“ greifbarer und unmittelbarer gemacht werden. Bezugnehmend auf den Kulturanthropologen Ulf Hannerz stellen wir die Frage „Who are the globalisers?“, die mit Hilfe von artistic –und material culture research sowie künstlerischer Praxis beantwortet werden soll.

Das Potential einer qualitativen Herangehensweise an das Feld ermöglicht es dem Projekt nicht nur
einfach „Daten zu sammeln“, sondern diese auch in einen größeren soziokulturellen Kontext zu
stellen. Menschen werden hier nicht einfach als die LieferantInnen von Daten betrachtet, sondern als
jene AkteurInnen, die im und vom Feld das größte Wissen haben. Wir wollen das Feld zunächst mit
Hilfe qualitativer Interviews mit den AkteurInnen sowie eines explorative approach verfügbar machen,
um dann, im nächsten Schritt einen zweifachen Wissenstransfer – das Wissen der AkteurInnen
selbst sowie jenes, das sich die ProjektmitarbeiterInnen selbst aneignen konnten – durch
künstlerische Praxis vorzunehmen.

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